„Gastbeitrag“ vom alten Mann / Regungslos in die Gleichgültigkeit

Was war das doch für ein interessantes Jahr. Die Concorde absolviert ihren ersten Überschallflug, die Amerikaner schießen die Apollo 13 ins All, die Russen antworten mit der Sojus 9, der Amerikaner huscht mal eben schnell durch Kambodscha während der Franzose seinen größten Atomtest startet, Luna 16 landet auf dem Mond und Hunderttausende sterben bei Naturkatastrophen in Asien und Südamerika … und meine Mutter meinte, das Unglück der Welt mit meiner Geburt zu krönen.

Nicht, dass man jetzt denkt, das Jahr hätte nur Schlimmes geboten. Weit gefehlt! Immerhin veröffentlichten die Beatles ihr letztes Album „Let it be“ und der erste Teil des Schulmädchenreports erregt die Gemüter.

Also abgesehen von mir … ein Jahr wie jedes andere. Aber ein ansonsten beständiges Jahr. Wie die Jahre davor, vor allem aber auch danach. Der Russe (oder damals nannte man ihn noch den Sowjet) zupfte von rechts, der Amerikaner von links, und wie kleine Wasserbälle auf dem Meer wurde der Rest der Welt durch die Gegend geschaukelt. Ok, manchmal machten der Brite und der Franzose noch einen auf dicke Hose. Aber die haben bald schon erkannt, dass man sich seine Probleme auch im eigenen Land schaffen kann und wurden international immer leiser.

Dann kam dem Amerikaner doch die grandiose Idee, man könne einige der Wasserbälle doch zusammenbündeln und vergemeinschaften. Dann wird das Ganze ein wenig übersichtlicher und es wird einem beim Zuschauen nicht immer so schnell schlecht. Der Beginn des Übergangs der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zur Europäischen Union, die 1993 dann endlich in Maastricht gegründet wurde. Prima Sache, dachte sich der Amerikaner, und schuf sich damit einen kleinen Puffer gen Osten.

Blöd nur, wenn man die Geister, die man ruft, irgendwann nicht mehr loswird. Und so wurde die Europäische Union immer stärker und augenscheinlich unabhängiger von ihrem Umfeld und wagte es doch tatsächlich, sich ungefragt zu äußern. Wenn man nun die Geister schon nicht loswird, so beschäftigt man sie eben ein wenig. Und so wurde durch dem Amerikaner eine Osterweiterung der Union immer fleißig und nach Kräften unterstützt. Aber so wirklich gefragt wurde eigentlich keiner.

Auf der einen Seite war nun Europa wieder schön brav mit sich selbst beschäftigt … und dass der Spruch „Too big to fail“ erst in der Finanzkriese 2007 erstmals so wirklich aufkam: Blöd. Größe ist nicht immer Stabilität.

Auch abseits des Unionsunwesens beschloss meist der Amerikaner, in welche Richtung sich die Welt zu drehen hat. Und wir, mittendrin, hatten nie etwas Besseres zu tun, als dem Treiben zu folgen. Aus europäischer Sicht zumindest. Den Deutschen traf zu dieser Zeit sowie immer der Stahlkappenstiefel der Vergangenheit in den Allerwertesten, sobald man ansatzweise national denken wollte.

Was meinen Jahrgang im Besonderen geprägt hat ist der Verlust der Identität. Aufgewachsen als Westdeutscher wurde man im Jahr 1989 auf einmal damit konfrontiert, dass man gemeinsam mit unseren östlichen Nachbarn nur noch der Deutsche ist. Na gut. Kann man machen, muss man aber nicht. Und nur mal zu Erinnerung: War es nicht 1987 ein amerikanischer Schauspieler, äh, Entschuldigung, Präsident, der mit den Worten „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ dem Unheil noch die Schuhe gebunden hat?

Kaum hat man sich damit abgefunden, dass man 16 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge mit einem Solidaritätszuschlag unterstützen darf wird man auch dieser Identität entrissen und ist auf einmal kein Deutscher mehr sondern Europäer.

Mal im Ernst: Wer unter 60 und noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte hat damals wirklich geglaubt, dass das gut geht?

Gegipfelt hat das Ganze dann 2002 mit der Einführung des Euro. Jetzt haben wir nicht mal mehr unsere ohnehin schon verwässerte und seit Jahrzenten liebgewonnene Deutsche Mark mit unseren neuen Mitstaatsangehörigen teilen dürfen, jetzt durften wir die auch noch gegen eine Gemeinschaftswährung eintauschen. Nix da mehr mit Bundesbank und Geldhoheit, Zinspolitik und Pipapo. Alles eins, alles zentral … und alles gut?

War es denn nicht wieder der Amerikaner, dem wir in den Gesprächen mit unseren europäischen Landesfürsten die Idee der Einheitswährung zu verdanken haben? Unzählige amerikanische Schriften schlauer Professoren und selbsternannter Fachexperten (wer zu dieser Zeit Volkswirtschaft studiert hat kann sich noch gut erinnern) befürworteten vollmundig, dass der Euro für Europa und die Welt das Beste überhaupt sei. Keine Kleinstaaterei mehr, aus Vielem wird Eins. „Too big to fail“?. Ach halt, stopp. War ja erst später.

Ich konnte hier noch stundenlang vor mich hin lamentieren und extrem in die Details abtauschen. Aber das soll ja nicht der Sinn dieses Beitrages sein. Ich frage mich nur seit Jahren schon … wie lange wollen wir den Blick den noch nach Westen richten. Wo wir doch wissen, dass dort die Sonne untergeht?

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